|
|
|
89 MILLIMETER - Freiheit in der letzten Diktatur Europas |
|
Donnerstag, 10 November 2005 |
Dokumentarfilm (Regie: Sebastian Heinzel), D/BLR 2004/2005, 79 Minuten, Kinostart: 17.11.2005 89 MILLIMETER beschreibt das Lebensgefühl sechs junger Menschen, die in einem jungen Land aufwachsen, das zerrissen scheint zwischen Stagnation, Protest und Aufbruch. 89 MILLIMETER, das ist auch der Unterschied der Spurweite der Eisenbahngleise zwischen Belarus/Weißrussland und seinen westlichen Nachbarn. Kein großer Abstand. Aber an der Grenze der neuen EU öffnet sich eine andere Welt, angeblich „die letzte Diktatur Europas“.
Sebastian Heinzel, 25, ein junger Filmemacher aus Berlin, begibt sich auf die Spur der kleinen und großen Unterschiede in ein junges Land, das gleich hinter Polen beginnt und über das wir als Westeuropäer im Normalfall wenig wissen. Belarus ist das einzige europäische Land, in dem die Todesstrafe noch vollstreckt wird, hier befindet sich die so genannte „letzte Diktatur Europas“; hier regiert Alexander Lukaschenko, seit er 1994 kurzerhand das Parlament entmachtete und die Präsidialrepublik ausrief. Sebastian Heinzel und sein russischstämmiger Kameramann nehmen den Zug nach Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Sie wagen die Reise, um herauszufinden, wie frei die Menschen ihres Alters hier sind und begegnen Slava – einem politischen Flüchtling, Alexander und der Widerstandsbewegung Zubr (dt. „Bison“), Pavel – einem Fassadenstreicher, der erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, Olga – einer GoGo-Tänzerin, der perspektivlosen Journalistin Ludmilla und dem staatstreuen Soldaten Igor. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Porträt einer Generation junger Erwachsener, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versuchen, einen Weg für sich und ihre Zukunft zu finden. Aus den Begegnungen mit dieser Auswahl unterschiedlicher junger Menschen in Minsk ergibt sich ein Stimmungsbild aus spontanen Momentaufnahmen und tiefer gehenden Einblicken in den belarussischen Alltag. Das Portrait einer osteuropäischen Generation, erzählt aus der Perspektive eines durch Westeuropa geprägten Autors, der sich bei seinen Reisen nach Belarus unvoreingenommen auf die dortige Situation eingelassen hat und sich den Fragen nach Widerstand, Revolution und den Gründungsschwierigkeiten eines jungen Staates stellen musste. Mit dem Radwechsel an der belarussischen Grenze beginnt nicht nur der Film, sondern auch eine neue Welt und gleichzeitig die Suche des Autors nach den Menschen in diesem Land, die Suche danach, wie sich Diktatur im alltäglichen Leben zeigt. Die Differenz in der Spurweite zwischen den Gleissystemen in Ost und West dient als Metapher für die Suche nach den gesellschaftlichen Unterschieden. Im angespannten Leben eines Gewaltregimes beobachtet der Autor fasziniert, wie junge Erwachsene seiner Generation ihr Leben gestalten. Während fünf mehrwöchiger Reisen nach Minsk entwickelt sich im Laufe eines ganzen Jahres eine enge Vertrautheit zwischen Filmteam und Protagonisten, die sich in der Intimität der aufgenommenen Situationen widerspiegelt. 89 MILLIMETER ist gekennzeichnet durch außergewöhnliches Storytelling und exquisite Kameraarbeit. Verbindendes Element zwischen den sechs Protagonisten ist die Rolle des Autors, der aus der Perspektive des Zuschauers agiert. Wie jeder durchschnittliche Westeuropäer weiß er wenig über Belarus. Seine „westliche Naivität“ und die Spurensuche nach der Diktatur im Alltag strukturieren den Film. Nur 89 MILLIMETER von seiner eigenen Sozialisation entfernt kann er unabhängig und unbefangen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zur westeuropäischen Lebensweise „messen“. In Einzelfällen wird das Filmteam derart in die Handlung verwickelt, dass der Autor selbst fast zum Protagonisten wird. Sei es auf unterhaltsame Weise, wenn Heinzel als höflicher Gast nicht ablehnen kann, den 70prozentigen Selbstgebrannten von Igors Babuschka zu testen. Oder wenn die Filmemacher den Zubr-Widerstandskämpfern helfen, Materialien vor der Miliz in Sicherheit zu bringen. Am Ende des Films verwirklicht sich sogar ein Traum für den Autor. Zusammen mit Pavel springt er mit alten sowjetischen Fallschirmen aus dem Flugzeug. Hier ist der Unterschied zwischen Ost und West aufgehoben: „Wir springen alle in eine ungewisse Zukunft.“ Die Protagonisten: „Es gibt ein Sprichwort in Belarus: Wir sind hinter dem Stacheldraht geboren“. Schon auf dem Weg in die belarussische Diktatur trifft das Kamerateam auf deren erste „Opfer“. SLAVA ist der 25-jährige Sohn eines politischen Flüchtlings. Sein Vater, ehemaliger Gefängnisdirektor in Minsk, war verantwortlich für die offizielle Exekutionspistole, die immer dann „ausgeliehen“ wurde, wenn Oppositionelle spurlos verschwanden. Weil er die Verantwortung dafür nicht mehr tragen konnte, flüchtete Slavas Vater mit seiner Familie nach Berlin und gilt hier als politischer Flüchtling. Slava pendelt nun regelmäßig mit dem Zug zwischen Berlin und Minsk, um seine Frau Lena und ihre gemeinsame Tochter Arina zu sehen. „Meine Seele ist in Belarus“, sagt Slava. Die Wut auf die eigene Regierung kann man ihm am Gesicht ablesen. „Früher habe ich mit beiden Händen Lukaschenko gewählt“, erzählt Slava. Heute ertränkt der junge Familienvater seinen Kummer über die Trennung und die ständige Angst vor Repression im Vodka, der in Belarus staatlich subventioniert wird, „um die Menschen ruhig zu stellen“. Slava arbeitete früher bei der Miliz und im Gefängnis, jetzt bezieht er Sozialhilfe in Berlin. Der Film begleitet Slava während seiner Zugfahrten und in Minsk mit seiner Familie. Seine Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. „Es ist gefährlich, sich in diesem Land für Politik zu interessieren.“ PAVEL, 23, saß wegen mehr als 200 Wohnungseinbrüchen über drei Jahre im Gefängnis. Er berichtet über die menschenverachtenden Zustände in der Haft. Heute ist er ein geläuterter Mensch. Sein Talent nutzt er nun, um Fassadenkletterer zu werden. Ein Berufsbild, das es in Deutschland nicht gibt: Statt Häuserfassaden von Gerüsten aus zu streichen, machen sich die waghalsigen Maler in Minsk an Schornsteinen fest und seilen sich von den Dächern ab. Frei schwebend erfüllen sie eine wichtige Funktion für den Staat, der stets darauf bedacht ist, die Hauptstadt auf Hochglanz zu polieren. Pavel ist gezeichnet durch seine Zeit im Gefängnis, doch er findet sich mit der miserablen Situation ab. Sein Wunsch ist ein ganz "normales" Leben, verändern möchte er nichts. „Jeder Passant kann sich als Polizist in Zivil herausstellen und uns verhaften.“ ALEXANDER, 21, ist führendes Mitglied bei ZUBR (russisch für "Bison", das Nationalsymbol des Landes), der jüngsten und größten Widerstandsbewegung im Land, die unter der Patenschaft von amnesty international steht. Der Wunsch nach Veränderung ist sein Lebensinhalt. Alexander wurde schon über 30 Mal auf Demonstrationen verhaftet, wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er exmatrikuliert. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und Unabhängigkeit für Belarus sind seine Ziele. "Ich bin ein Patriot", erklärt Alexander in gebrochenem Englisch, "denn ich stehe auf gegen Lukaschenko." Der Film begleitet den stolzen Rebellen beim Verteilen von Flugblättern an der Uni und bei den Vor- und Nachbereitungen einer Demonstration. Dabei sitzt ihm die Miliz immer im Nacken. “Ich habe als Journalistin gearbeitet, bevor meine Zeitung geschlossen wurde.“ LUDMILLA, 21, ist Journalistik – Studentin, nur hat sie kein Forum für Veröffentlichungen mehr, seit die Belarussische Jugendzeitung geschlossen wurde. Lusy, wie sie sich nennt, ist sehr westlich orientiert, auch sie sucht den Widerstand. Nur anders: An der Uni bekommt sie keinen Schein, wenn sie ihre Meinung frei äußert. So treffen wir sie auf ihrem Lieblingsplatz im Hinterhof der Universität, wo sie gerne mal den Unterricht schwänzt. Sie trinkt Bier aus der Dose und erklärt, dass wahre Freiheit immer von innen kommt. "The most important thing is to do what you want and to find the ways to do it!" „Ich fühle hier keine Diktatur. Wenn ich etwas will, nehme ich es mir einfach.“ IGOR, 24, steht mit beiden Stiefeln auf dem Boden. Er leistet während der Dreharbeiten gerade seinen Wehrdienst ab und hat an Belarus nichts auszusetzen. Außerdem sei er "zu jung", um sich "mit Politik zu beschäftigen". Igor erfreut sich lieber der Schönheit der belarussischen Natur, ist leidenschaftlicher Jäger und fährt zu seiner Babuschka aufs Land, um ein Schwein zu schlachten. Genau wie Alexander ist er überzeugter Patriot, aber von den Zubr-Aktivisten will er nichts wissen. Ihn stören die Graffiti der Opposition an den schönen Fassaden von Minsk. Igor liebt Belarus über alles und würde nie wegziehen. Im Gegenteil: Noch während der Dreharbeiten heiratet er seine Freundin. Igors Zukunft liegt in Belarus, und seiner Meinung nach sieht sie dort nicht schlechter aus als irgendwo sonst. „Freiheit? Frei fühlt man sich nur in einem Traum.“ OLGA, 23, ist resigniert: "Wenn im nächsten Jahr nichts Radikales passiert, zum Beispiel, dass ich mich verliebe, dann werde ich das Land verlassen." Die attraktive Tanzlehrerin sieht sich als Künstlerin und steht damit in Belarus auf verlorenem Posten. Ihr Geld verdient sie sich nachts als Go-Go-Girl im "Westworld", dem exklusivsten Club der Stadt. Das "Westworld" steht für einen Traum von Wohlstand und Dekadenz. Für Olga sichert das "Westworld" den Lebensunterhalt, sie tanzt hier für 10 Dollar die Nacht - ihr Traum aber ist die große Bühne. Der Film beobachtet Olga und ihre Mitbewohnerin Alessja bei den Proben für ein Internationales Choreographiefestival. Olga sucht ihre persönliche Freiheit im Tanz. Wie alle Protagonisten sucht auch Olga im engen Korsett des weißrussischen Systems ihren Platz, ihre Bestimmung, ihren Freiraum - auch wenn für den Betrachter womöglich jegliche Perspektive zu fehlen scheint. Weitere Informationen und aktuelle Termine zum Film unter: www.89millimeter-derfilm.de Credits: Buch und Regie: Sebastian Heinzel Kamera: Eugen Schlegel Schnitt: Lena Rem Produzent: Stefan Kloos Produktion: Kloos & Co. Medien GmbH Verleih: Kloos & Co. Medien GmbH in Zusammenarbeit mit Edition Salzgeber Herstellungsland: Deutschland/Belarus Produktionsjahr: 2004 / 2005 Länge: 79 Minuten Preise und Auszeichnungen für „89 MILLIMETER“: • „Prädikat Wertvoll“, Filmbewertungsstelle (FBW) • Sonderpreis der Landeszentrale für politische Bildung in Rheinland-Pfalz • „Lobende Erwähnung“ der Jury, DOKFEST in Kassel • „Bester Schnitt“, Internationales Studentenfilmfestival SEHSÜCHTE in Potsdam • „Beste Kamera“, DOKUFEST in Prizren / Kosovo Festivalbeteiligungen (Auswahl): • ONE WORLD Festival in Prag und Bratislava • COLOGNE CONFERENCE („Spectrum Junger Film“) in Köln • ANONIMUL Festival in St.Georghe / Rumänien • EU XXL in Wien und Krems • RENCONTRES INTERNATIONALES DU DOCUMENTAIRE in Montréal / Kanada Pressestimmen zum Film (Auswahl): • „Eine faszinierende und unterhaltsame Reise in Europas letzte Diktatur.“ (Kölner Stadtanzeiger) • „Eine wirkliche Offenbarung der Situation in diesem wenig bekannten Land in der Mitte Europas.“ (Deutsche Welle) • „Ein mutiger Film über mutige junge Menschen in einem Land, das nach Freiheit sucht.“ (Filmbewertungsstelle: „PRÄDIKAT WERTVOLL“) • „In dem sehenswerten Dokumentarfilm erkundet der junge Regisseur sehr subtil die Mechanismen der Diktatur Lukaschenkos.“ (Süddeutsche Zeitung) • „Der Regisseur ist so alt wie seine Helden – diese Nähe merkt man dem intimen, sehr berührenden Dokumentarfilm an.“ (KulturSPIEGEL)
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
|
|
|